[REZENSION] Nahlah Saimeh: Jeder kann zum Mörder werden

Nahlah SaimehIch nehme die Antwort auf diesen Titel vorweg: Er ist nicht so gemeint, dass jeder dazu in der Lage ist, bedingungslos irgendjemanden umzubringen. Mit „jeder“ ist gemeint, dass man unschuldig in so eine Situation kommen kann, weil man z. B. geisteskrank werden kann, was aber auch nicht jeder ohne weiteres werden kann. Es gibt neben genetischer Disposition traumatisierende Umstände, welche dies begünstigen. So gesehen ist der Titel in meinen Augen nicht ganz richtig gewählt. Möglicherweise hat ihn der Verlag vorgegeben.
Dieses Buch reiht sich nicht nahtlos in die Reihe thematisch ähnlicher Bücher ein, wie sie von anderen Autoren zum True crime-Themenkomplex bekannt sind. Ich denke, die Autorin wollte ihre Arbeit als forensisch-psychiatrische Gutachterin im gesamtgesellschaftlichen Kontext darstellen. Darum ist dies nicht einfach der erste Band einer Serie, sondern steht abgeschlossen für sich.

Das Buch liest sich nicht spannend wie ein Krimi, sondern spannend in der Sache. Anhand stark verfremdeter Beispiele aus ihrer Praxis erläutert sie die Straftaten und wie sie den gefassten Täter später untersucht. Es wird erklärt, was der Täter getan hat. Anschießend schildert sie dessen Befragung im Rahmen ihrer Tätigkeit als Gutachterin. Persönlichkeitsmerkmale, Hintergründe und manchmal eigefügte Exkurse zeichnen ein rundes Bild der meist komplizierten Problematik eines jeden Falls. Letztendlich diskutiert sie auch die jeweilige Diagnose und auch, wie schlussendlich das Urteil des Gerichtes ausfiel.

Sprüche, wie: „Ja klar, der wird nicht verknackt, denn seine Muttermilch war sauer“, kennt sicher jeder. So eine pauschale Vereinfachung forensischer Begutachtung, kann nicht weiter ernst genommen werden. Dieses Buch hilft dem Leser, Fälle, wo ein Straftäter z. B. eine schwere Kindheit hatte, in welcher er verwahrlost aufgewachsen ist, differenzierter zu betrachten. Diese Betrachtung führt nicht unbedingt immer zu dem Schluss der Schuldunfähigkeit. Der Leser lernt, dass hier keinesfalls nur mit Schablonen gearbeitet wird, sondern jeder Fall sehr individuell beleuchtet werden muss und wird.

Sehr klar kommt heraus, dass ein Täter von mehreren Instanzen einzeln beurteilt wird. Zuerst von der Kripo, von bestellten Gutachtern und schlussendlich vom Richter und seinen Schöffen. So schrecklich die Taten im Einzelfall sind, so ist es doch richtig, Täter, welche auf Grund einer Geisteskrankheit töten, nicht Mördern (z. B. aus Habgier) gleichgestellt werden dürfen; sie sind krank und sind daher therapiebedürftig. Die Schwierigkeit, dass einzelne Straftäter versuchen, ihre bewusst ausgeführten Taten als Taten im Irresein darzustellen, wird von den Gutachtern durchaus gesehen und auch überprüft. In der Regel dauert aber die Behandlung in der Psychiatrie länger als eine Gefängnisstrafe. Falls der Täter überhaupt als geheilt entlassen werden kann.

Ganz bewusst stellt die Autorin keine Fälle von Serienmördern dar, weil sie meint, dass dies eine sehr geringe Minderheit unter den Fällen beträfe. Das finde ich trotzdem schade, weil gerade dies die Fälle sind, die der Allgemeinheit besonders irrational vorkommen. Und weil auch bekannt ist, dass einige dieser Serienmörder in der forensischen Psychiatrie Eickelborn untergebracht sind, deren Direktorin die Autorin ist.

Immerhin wird der Omamörder von Bremerhaven,Olaf Däter, in ihrem Buch verfremdet als Bernd Zietenbach im Kapitel „Der Uhrenliebhaber“ detailliert behandelt.

Es bleiben aber auch Fragen offen. Z. B. wie man die Allgemeinheit vor solchen Tätern besser schützen kann, bevor sie morden. Darauf gibt es keine Pauschalantwort. Diese Fragen werden an die Öffentlichkeit weiter gereicht. Es ist der  einzelne im Umgang mit seinen nächsten gefragt, genauso wie die gesellschaftlichen Institutionen, die vielleicht deutliche Aggressionsanzeichen bei Frauen zu wenig beachten (Kapitel „Vergewaltigungsprogramm“).

Dieses Buch möchte ich auf jeden Fall empfehlen! Es bot zumindest mir neue Einsichten in eine komplexe Materie.

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