Fußwegparker bekommen nicht systematisch Knöllchen

Der Pressedienst der Hansestadt Lübeck meldet: "Verkehrsgefährdungen werden intensiver geahndet, aber nicht jeder Fußwegparker bekommt automatisch ein Knöllchen". In einer gemeinsamen Presseerklärung von Ordnungsamt und Feuerwehr wird das Problem nochmal erläutert (Meldung 140026L 2014-01-09). Das heißt, es wird mit Augenmaß vorgegangen und Verstöße von Geringfügigkeit weiterhin toleriert. Damit bleibt aber nicht alles wie es war.

Bereits 2013 gab es in Karlsruhe ein ähnliches Umschwenken. Bis dahin toleriertes Gehwegparken wurde kritischer gesehen (Link: Karlsruher Duldungsregel gekippt). Dies zeigt, dass das Problem mit dem Parken keinesfalls eine Erfindung Lübecks ist, sondern eins, das alle Städte irgend wann einholen kann, welche eine gewisse Duldung üben. In Bad Segeberg bekommt jeder ein Knöllchen für Parken auf dem Gehweg, wenn er auch nur ein paar Zentimeter auf dem Bordstein steht; so radikal wird es in Lübeck nicht gehandhabt werden.

Nach den Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen wird heute für die Neuanlage von Gehwegen eine Regelbreite von 2,50 Meter zugrunde gelegt, heißt es in der Presseerklärung. Das lässt sich aber so nicht auf alt gewachsene Stadtviertel wie beispielsweise der Lübecker Altstadt oder dem Quartier Falkenstraße (Falkenwiese) übertragen. Hier müssen wir mit der Gehwegbreite auskommen, welche jetzt vorhanden ist. Im "Verkehrskonzept Quartier Falkenstraße" aus dem Jahr 2010 wird angegeben, dass die Gehwegbreite im Quartier Falkenstraße 200 cm beträgt. Davon Parkraum abzuziehen ist verglichen mit der Vorgabe damit keinesfalls ein Selbstgänger.

In einem offenen Brief an den Innensenator will Herr Kangastie im Namen seiner Bürgerinitiative "www.parken-falkenwiese.de" nun nur noch eine Restbreite von 1,3 m dem Fußverkehr lassen. Anfangs hatte er 1,5 m angeboten. Gehwagen werden in Breiten zwischen 59 und 67 cm hergestellt (Quelle: http://www.sanitaetshaus-24.de), Rollstühle sind inklusive Platz für die Hände bis zu 86 cm breit (Quelle: nullbarriere.de) und etwas Sicherheitsabstand zu Zäunen und Fahrzeugen sollte man einem älteren Menschen auch zugestehen; beidseitig je 20 cm empfinde ich als Minimum. Das macht für mich 67 + 40 = 107 cm Platzbedarf ohne Gegenverkehr. Als Abstand für Begegnungsverkehr werden 27,5 cm angegeben als Fußgängerbreite geht man von 78 cm aus (Quelle: Wie Breit müssen Gehwege sein?).

Die Begegnung einer Person mit Rollator (oder Kinderwagen) mit einem Fußgänger würde damit eine erforderliche Gehwegbreite von 107 + 27,5 + 78 cm = 212,5 cm ergeben. Damit ist zum Parken in der Attendornstraße kein Platz, weil der Gehweg sowieso schon zu schmal ist. Ich bin aber der Ansicht, dass es einem Fußgänger durchaus zuzumuten ist, sich bei einer Begegnung mal schmal zu machen. Man kann Kompromisse machen, aber mehr als 130 – 107 = 23 cm (bzw. bei Begegnung mit einem Rollstuhl 4 cm) sollte man einem Fußgänger schon zubilligen. Die bis dato diskutierten 150 cm dürfen in meinen Augen auf keinen Fall unterschritten werden. Jedem sollte an dieser Stelle aber klar sein, dass bei einer Begegnung Rollator mit Rollator, bzw. Kinderwagen einer der beiden in einem Hauseingang warten muss, damit der andere passieren kann. Im Prinzip sind 150 cm eigentlich schon zu wenig.

Man muss sich wirklich fragen, warum die sich nun zu Wort meldenden Autofahrer Kompromisse ausschließlich zu Lasten der Fußgänger einzugehen bereit sind. Alternativen wie Pendlerportal oder nächtliche Nutzung von Firmenparkplätzen scheinen überhaupt nicht in Betracht gezogen zu werden. Ebenso scheint das Wort Carsharing eher als Reizkristallisationspunkt zu fungieren anstatt es als Alternative anzusehen. So erklärte mir eine Anwohnerin, dass sie ihr Auto nur einmal im Monat benutzte. Solche Nutzer sind für Carsharing eigentlich prädestiniert.

Es ist übrigens nicht so, dass in dem Viertel alle für das Parken auf dem Gehweg sind. Wenn man mit den Bewohnern spricht, hört man auch Meinungen wie: "Wann geht es denn los? Es stand doch in der Zeitung, dass verwarnt wird. Das muss doch reichen!"

Kommentar hinterlassen